WordPress, Webflow oder Next.js: Was passt zu welchem Unternehmen?
Drei Plattformen, drei sehr unterschiedliche Eignungsprofile. Entscheidungshilfe auf Basis von Redaktions-Bedarf, Entwicklungs-Budget und langfristiger Flexibilität.
Sebastian Libuda · Gründer von Colourmatch · 20. April 2026
Du brauchst eine neue Firmenwebsite. Drei Angebote auf dem Tisch: 4.500 € für WordPress mit Plugin-Stack, 9.000 € für Webflow, 12.000 € für Next.js mit Sanity-CMS. Welches passt?
Nach diesen 1.700 Wörtern weißt du anhand von vier Fragen, welche Plattform zu deiner Situation passt. Mit Praxisbeispielen, ehrlichen Folgekosten und einer Liste von Stolpersteinen, die im Angebot meistens nicht stehen.
Die drei Plattformen, kurz einsortiert
WordPress. Open-Source-CMS, Marktanteil ca. 43 % aller Websites weltweit. Riesiges Plugin-Ökosystem. Selbsthostbar (Hetzner, Webhosting-Anbieter), oder als gemanagte Variante (WP Engine, Kinsta). Stärke: maximale Flexibilität, riesiges Ecosystem. Schwäche: regelmäßige Wartung nötig, Plugin-Konflikte, schnell langsam ohne aktive Optimierung.
Webflow. SaaS-Plattform mit visuellem Builder, integriertem CMS und Hosting. Stärke: gestalterisch flexibel ohne Code, Hosting inklusive, Update-frei. Schwäche: monatliche Lizenzkosten skalieren mit Traffic / Items, Vendor-Lock-in, begrenzt erweiterbar bei komplexen Anforderungen.
Next.js + Headless-CMS (Sanity, Contentful, Strapi). React-basiertes Framework, Code-getrieben, mit getrennt redaktionellem Backend. Stärke: maximale Performance, Skalierbarkeit, kompletter Code in deinem Besitz. Schwäche: braucht Entwickler oder Agentur, schwerere Anlaufphase, höhere Initial-Investition.
Vier Fragen, die die Wahl entscheiden
1. Wer pflegt die Inhalte?
Ein bis zwei Redakteurinnen ohne Tech-Background, die hin und wieder einen Blogpost überarbeiten? → WordPress oder Sanity. Beide haben sehr gute Editor-Experiences. Webflow ist dort schwächer — das CMS ist gewachsen, aber der visuelle Builder überfordert Nicht-Designer.
Fünf oder mehr Redakteurinnen mit Workflow-Anforderungen (Reviews, Freigaben, Versionsstände)? → Sanity oder gemanagtes WordPress. Webflow kommt hier schnell an Grenzen.
2. Wie individuell soll das Design sein?
Standard-Look mit ein paar Anpassungen reicht? → WordPress mit Premium-Theme. Solide Auswahl bei Themeforest oder Astra. Wenn du das Design am Anfang vom Designer entwerfen lässt und dann von Entwicklern umsetzen — alle drei Plattformen funktionieren, mit unterschiedlichem Aufwand.
Designerisch komplexe Markenwebsite mit Animationen, Custom-Layouts, Editorial-Charakter? → Webflow oder Next.js. Beide erlauben volles gestalterisches Spektrum. Webflow per Visual-Builder, Next.js per Code.
3. Welche Performance-Ansprüche hast du?
Für lokale Mittelständler mit überschaubarem Traffic (unter 50.000 Visits/Monat) reichen alle drei. WordPress wird mit guten Caching-Plugins (WP Rocket, LiteSpeed) und schlankem Theme schnell. Webflow liefert von Haus aus saubere Core-Web-Vitals-Werte. Next.js ist im Performance-Bereich klar führend, die Vorteile zahlen sich aber erst bei größeren Sites aus.
Für Performance-kritische Anwendungen — Headless-Commerce, große Content-Bibliothek, Internationalisierung mit 5+ Sprachen — ist Next.js die robustere Basis.
4. Wie wichtig ist Datenbesitz und Anbieter-Unabhängigkeit?
Bei Webflow liegen deine Inhalte und das Design im Webflow-Account. Migration zu einer anderen Plattform: theoretisch möglich, praktisch oft Neuaufbau. Bei WordPress liegt alles in deiner Datenbank — portierbar, aber WordPress-typische Datenbankstruktur (Custom-Fields, Plugin-Tables) macht den Umzug komplex. Bei Next.js + Sanity: Code in deinem Git-Repository, Inhalte in Sanity (oder einer anderen Headless-CMS-Wahl). Volle Kontrolle, einfache Migration.
Kosten-Realität über 5 Jahre
Diese Spannen kommen aus eigenen Projekten für typische Mittelstandsbetriebe — Corporate-Website mit ca. 30–80 Seiten, einem Ratgeber-Bereich, mehreren CTAs.
WordPress: 25.000–60.000 € auf 5 Jahre
Initial: 4.000–12.000 € (je nach Theme-Anpassung). Hosting bei Hetzner: 10–20 €/Monat = 600–1.200 € auf 5 Jahre. Premium-Plugins (Yoast, WP Rocket, ggf. WPML für Mehrsprachigkeit): 200–500 €/Jahr. Wartung extern: 100–250 €/Monat = 6.000–15.000 €. Plus alle 18–24 Monate ein größeres Plugin-Update / Theme-Update / Migration: 2.000–6.000 €.
Webflow: 22.000–45.000 € auf 5 Jahre
Initial: 6.000–15.000 €. Webflow CMS Hosting: 23–39 USD/Monat = 1.500–2.500 € auf 5 Jahre. Bei mehr Items oder höherem Traffic: Business-Plan ab 49 USD/Monat. Wartung niedriger als WordPress: 50–150 €/Monat = 3.000–9.000 €. Anbieter-Lock-in nicht in Euro abgebildet, aber relevant bei Plattform-Wechsel.
Next.js + Sanity: 30.000–70.000 € auf 5 Jahre
Initial: 8.000–18.000 €. Hosting (Vercel oder Hetzner): 0–40 €/Monat. Sanity Free Plan oder Growth (99 €/Monat): 0–6.000 € auf 5 Jahre. Wartung & Erweiterungen: 80–200 €/Monat = 4.800–12.000 €. Updates per Pull-Request, deutlich planbarer als bei WordPress.
Praxisbeispiele
Heizungsbau-Betrieb in Schleswig-Holstein, sieben Mitarbeitende: Next.js + Sanity. Begründung: Performance auf Mobil ist hier kritisch (Anrufer auf Baustelle), DSGVO-konformer EU-Stack ist Voraussetzung, eine Person pflegt selten Inhalte.
Steuerkanzlei mit 12 Mitarbeitenden, regelmäßigem Newsletter: WordPress. Begründung: drei Mitarbeitende pflegen abwechselnd Inhalte, brauchen vertrauten Editor. Plus: Plugin-Ökosystem für Newsletter (MailPoet) und DATEV-Integration auf Buchhaltungs-Seite.
B2B-Beratung mit Solo-Inhaberin und visueller Marken-Identität: Webflow. Begründung: maximale gestalterische Freiheit, Inhaberin pflegt selbst, kein Tech-Team in Sicht. Anbieter-Lock-in in Kauf genommen.
Stolpersteine, die meistens nicht im Angebot stehen
WordPress: Plugin-Wartungs-Schuld
Eine durchschnittliche WordPress-Site hat 15–30 Plugins. Updates kommen wochentlich. Plugin-Konflikte machen die Site jederzeit nicht-aufrufbar. Sicherheitslücken in unmaintained Plugins sind eine real Bedrohung. Ohne aktive Wartung wird WordPress in 2–3 Jahren zur Risiko-Site.
Webflow: CMS-Item-Limits
Standard-Plan: max. 2.000 CMS-Items. Business-Plan: 10.000. Bei großen Ratgeber-Sites oder Produktkatalogen kann das Plan-Wechsel oder Plattform-Wechsel nötig machen.
Next.js: Entwickler-Abhängigkeit
Für Layout-Änderungen oder neue Komponenten brauchst du jemanden, der Code schreibt. Kann ein Sanity-Schema-Update bei einigen Änderungen reichen, aber neue Visual-Templates kosten Entwickler-Aufwand. Für Solo-Inhaber ohne Tech-Partnerschaft potenziell ein Problem.
Was hier kein Thema ist
Wir reden hier nicht über Shopify, WooCommerce oder andere E-Commerce-spezifische Plattformen. Wenn dein Hauptthema E-Commerce ist, ist die Logik anders. Wir reden auch nicht über DIY-Builder wie Wix oder Squarespace — die sind unter den drei besprochenen Optionen aus Sicht von Mittelständlern selten die richtige Wahl.
Selbstkritik
Wir bauen primär Next.js + Sanity — das beeinflusst meine Sicht. Wenn du eine Steuerkanzlei mit großem Redaktionsteam und keinem Tech-Partner bist, wäre unser Setup für dich vermutlich nicht ideal. Bei dir kann eine andere Plattform die richtige sein. Faustregel: wer kein Vertrauensverhältnis zu einem Tech-Partner aufbauen kann oder will, sollte WordPress oder Webflow wählen.
Konkrete nächste Handlung
Beantworte die vier Fragen oben mit deinem Team. Wenn drei oder mehr in Richtung WordPress kippen, hol drei Angebote von WordPress-Agenturen. Wenn drei oder mehr in Richtung Webflow kippen, schau dir den Webflow Designer an (kostenlos) — wenn das für dich kein Hindernis darstellt, lass die Site dort bauen. Wenn drei oder mehr Richtung Next.js kippen, brauchst du einen technisch verlässlichen Partner für 5+ Jahre. Das ist die wichtigste Entscheidung in dem Setup — wichtiger als die Plattform selbst.